Adventsbesuch in Den Haag

Donnerstag, 30.11.2017

Seit Sommer habe wir die ‚museumkaart‘. Damit kommt man ein Jahr lang ohne weitere Kosten in die meisten holländischen (friesischen, limburgischen, gelderländischen….) Museen, so oft man will.  Bei der Zahl und Qualität an Museen, die es dort unter dem Meeresspiegel gibt, lohnt sich die Karte – selbst, wenn man in Kiel wohnt.

Nachdem wir nun schon ein paar Mal in Den Haag waren, wollen wir nun endlich mal ins Mauritshaus. Linda besorgte uns eine AirBnB-Wohnung in ihrer Nähe und wir juckelten für ein langes Wochenende nach Den Haag.

Nach wie immer zu langer Anreise, kommen wir in Den Haag an. Unsere Vermieter sind in der Karibik, die Schlüssel können wir in einer Sushi-Bar abholen. Wir finden eine ganz tolle, kleine Wohnung vor. Schön eingerichtet, Fernsehen, WLAN, Parkplatz vor der Tür, alles pikobello. Ein Merkzettel begrüßt uns und weist auf eine regionale Spezialität hin, die als Begrüßungsgeschenk im Kühlschrank sei. Der Kühlschrank ist nicht etwa leer, sondern gut gefüllt: Milch, Obst, Säfte,… eine lange Reise haben unsere Gastgeber wohl nicht geplant. Und die regionale Spezialität? Wir entscheiden, dass die einsame Flasche Bier der Den Haager Compaan Brauerei gemeint ist.

Leider klappt es wieder mal nicht mit dem Entrichten der Parkgebühr: es geht nur per Kreditkarte, aber  die Kreditkarte funktioniert nicht. Die zweite auch nicht, keine Chance. Gut wenn man eine Tochter hat, die Anwohnerin ist: Anwohner können über das Internet die Autonummer eingegeben und damit ist alles erledigt. Schlecht, wenn man keinen Anwohner kennt.

Freitag, 1.12.2017

Die Fahrräder haben wir in Kiel gelassen, bei den kurzen Wegen hier kann man auch mal aufs Rad verzichten: Lindas Wohnung, diverse Kneipen und auch die Innenstadt sind gut zu Fuß zu erreichen.

Gemäß unserer Absicht gehen wir schnurstracks zum Mauritshaus. Das Museum ist in einem prächtigen Stadtpalais untergebracht und wurde erst 2014 nach einer Renovierung neu eröffnet. Für besonderen Zulauf sorgt der Hype um ‚Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge‘ von Jan Vermeer. Viele kommen wohl nur, um vor diesem Bild ein Selfie zu machen.

Wie schon beim Museum ‚Escher in het Paleis‚ ist allein das Gebäude einen Besuch wert. Das Mauritshuis liegt am Hofvijver, dem Wasserbecken an den auch der Binnenhof angrenzt. Direkt neben dem Museum befindet sich – gut einsehbar – ‚Het Torentje‚ (Das Türmchen), das sechseckige Büro des niederländischen Premierministers.

Wir sind nicht die großen Kunstkenner, aber lernwillig. Dabei ist die Audioführung, die man im Mauritshuis per WLAN aufs Handy bekommt, eine gute Hilfe. Fast jedes Bild hat eine Geschichte und eine Besonderheit. Beeindruckend ist zum Beispiel die Detailtreue, mit winzige Insekten in gigantische Blumensträuße gemalt wurden.

Gar nicht winzig ist einer unserer Favoriten: Der Stier von Paulus Potter. Das Bild ist sagenhafte 3,40 Meter breit und 2,20 Meter hoch und zeigt eine Weide. Im Vordergrund steht ein junger Stier – lebensgroß! Wenn man dicht an das Bild tritt, sieht man jedes einzelne Haar und jede Fliege die auf dem Fell sitzt. Hier sind unsere Favoriten:

Auf einem Bild entdecke ich den Physiker Christiaan Huygens – jedenfalls glaube ich das. Irgendwo hatte ich das Gesicht schon einmal gesehen. Doch wie sich herausstellt, ist es nicht Christiaan Huygens, sondern sein Vater Constantijn. Um ihn herum sind Porträts seiner fünf Kinder angeordnet, darunter auch besagter Christiaan. Ich informiere mich weiter und finde eine Menge interessanter Details über die Familie Huygens, die ich zu folgender Bildergeschichte zusammengefügt habe. 

Ein Klick öffnet ein neues Tab mit der Bildergeschichte bei Adobe Spark.

Das Mauritshuis ist kein großes Museum, dennoch haben wir es unterschätzt. Unsere Energie reicht nicht für alle Exponate. Gut, dass wir die Museumkaart haben 😉

Wir bummeln noch ein wenig durchs weihnachtliche Den Haag, aber so weihnachtlich ist es gar nicht. Grundsätzlich gibt es in den Niederlanden wohl weniger Weihnachtsrummel als bei uns. Es ist sehr unterschiedlich: die einen zelebrieren es wie bei uns, andere wiederum ignorieren das Thema komplett. Und richtig los geht es auch erst, wenn Sinterklaas wieder nach Spanien abgereist ist, also am 6.Dezember.

Auf dem Weg nach Hause, kommen wir am Mesdag Panorama vorbei. Museumkaart? Ja! Das Mesdag Panorama ist ein riesiges Panoramagemälde, es zeigt den Strand von Scheveningen. Auf effektvolle Weise wird man in das Bild geführt: zunächst durch einen dunklen Gang, dann eine Wendeltreppe nach oben und plötzlich steht man mitten im Zentrum des Rundgemäldes. Der Vordergrund besteht aus echtem Sand und der Übergang in das Gemälde ist zur schwer zu erkennen. Eine perfeke Illusion.

Panorama Mesdag

Samstag, 2.12.2017

Als wir nach dem Frühstück Lindas Wohnung verlassen, laufen wir sofort Sinterklaas und seinem Zwarte Piet in die Hände. Ich hatte die beiden beim Schlachter gegenüber entdeckt und versucht Fotos zu machen. Das hatte Sinterklaas entdeckt. Er kam über die Straße zu uns herüber. Auha, kommt jetzt die Rute? Zum Glück nicht. Ganz Profi stellte sich der gute Mann hin und posierte für ein Bild.

Zwarte Pieten auch im Fred, der Frederik Hendriklaan. Die schöne Einkaufsstraße ist wie an jedem Wochenende gut besucht. Etwas Weihnachtsschmuck, die ersten Tannenbaumverkäufer, Olijebollen.

Eine Kombo geschwärzter Blasmusiker zieht durch die Straße. Zwarte Pieten verteilten Pepernoten und machten Quatsch. Einer versuchte einer älteren Dame DAB-Dance beizubringen. Viele Passanten singen die Lieder mit. Alle textsicher.

Seit einiger Zeit sehen sich die Zwarten Pieten Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt. Es kam sogar zu gewalttätige Übergriffen auf Sinterklaas-Umzüge. Die in Deutschland lebende Holländerin Alexandra Kleijn hat auf ihrem buurtalblog einen guten Text dazu geschrieben.

Wir gehen weiter zum Hafen und kehren im Rootz ein, eine Kneipe mit einer beeindruckenden Bierkarte. Leider funktioniert der Service nicht optimal. So müssen wir lange auf unsere Borrelhapjes  warten, speziell ich auf meinen ersten Bitterballen. War ok.

Simonis hat den Fischhandel in Den Haag fest im Griff, überall gibt es Simonis Fischbuden. Simonis im Hafen von Scheveningen ist sogar das Ziel von Touristenbussen. Und er ist auch wirklich sehenswert. Wir kaufen Fisch für das Abendessen. Als zusätzliche Leckerei gibt es hauchdünne Tunfischscheiben.

Sonntag, 3.12.2017

Der holländische Dichter und Politiker Jacob Cats begann um 1640 herum, einen Bauernhof zu seinem Wohnhaus umzubauen und die umgebende Dünenlandschaft in einen englischen Park zu verwandeln. Haus und Park gibt es heute noch: der Park ‚Sorghvliet‘ ist von einer hohen Mauer umgeben und das ‚Catshuis‘ ist eine Residenz des niederländischen Ministerpräsidenten. Auch für Empfänge und Konferenzen wird das Catshuis genutzt. Mächtige Staatsoberhäupter wie Obama, Merkel, Hollande, Cameron und Mandela waren hier zu Gast. Besonders unangenehme Gäste gab es während des Zweiten Weltkriegs: deutsche Besatzer nutzten das Gelände für den Abschuss von V2-Raketen mit dem Ziel London.

Unser sonntäglicher Spaziergang führt uns in den Park. Es ist ein ruhiges Stück Natur mitten in der Stadt, welches sicher im Frühjahr noch schöner wirkt, aber auch an einem trüben Wintersonntag seinen Reiz hat.

Nach einer ausgiebigen Runde durch den Park gehen wir weiter zum Gemeentemuseum. Zunächst stärken wir uns im museumseigenen Café Gember, dann besuchen wir die aktuelle Austellung über die Stilrichtung ‚Art Deco‘. Es geht hauptsächlich um den französischen Modedesigner Paul Poiret der auf diesen Designstil starken Einfluß gehabt hat.


Odde, eine hauptsächlich in unserer Familie geläufige Form des Ausdruckstanzes.

Eine Parallelausstellung handelt von Picasso und seinem Freund Julió Gonzales. Dieser half Picasso, einige seiner zweidimensionalen Werke in Metallskulpturen zu übertragen. Wir entdecken sogar eine ‚Odde‘, eine Skulptur mit der diese bisher nur in unserer Familie praktizierten Form des Ausdruckstanzes dargestellt wird.

Im Anschluß schauen wir uns noch ein paar Bilder von Piet Mondrian an, die bei unserem letzten Besuch zu kurz gekommen waren. Das Mondrianjahr neigt sich dem Ende zu, aber die meisten Bilder gehören ohnehin zum Bestand des Museums.

Unabhängig von dem was dargeboten wird, ist immer wieder auch das Gebäude selbst eine Attraktion. Das Museum wurde von H.P. Berlage ebenfalls im Art Deco Stil entworfen und zählt zu den schönsten Museumsbauten Europas.

Montag, 4.12.2017

Unseren Plan nach Amsterdam zu fahren um in der touristenarmen Zeit das Rijksmuseum und das Von Gogh Musum zu besuchen haben wir schon am Vorabend fallen gelassen. Uns reichen die zwei Museumstage erst einmal.

Mit der Straßenbahn fahren wir ans Meer, nach Scheveningen. Wo gibt es das schon? Mit der Straßenbahn zum Strand! Über die häßliche Bebauung der Promenade habe wir uns schon mehrfach echauffiert, gewöhnen werden wir uns nie daran. Am Besten man macht es wie die ‚Spookjesbelden‘ : Man dreht den Bauten den Rücken zu und blickt aufs Meer.

Spokjesbelden Scheveningen
Winter in Scheveningen

Das ist an diesem Tag aber auch besonders sehenswert. Ein käftiger Wind hat eine beachtliche Welle aufgebaut, wir machen bei herrlichem Sonnenwetter einen schönen Strandspaziergang.

Anschließend bummeln wir die Kaizerstraat hinunter. Einige Geschäfte sind weihnachtlich hergerichtet. Die Schaufenster eines sonst schmucklosen Heizungsgeschäfts wurden mit allem dekoriert, was ich aus Kindheitstagen kenne: Eisenbahn, Eisläufer, die mit Magneten über einen See aus Glas bewegt werden, Puppen und Figuren, alles in Bewegung.

Weil wir noch eine Postkarte vom ‚Puttertje‘ (‚Der Distelfink‘ von Carel Fabritius) kaufen möchten, fahren wir mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum und gehen erneut ins Mauritshaus.

Pepernoten

Kruidnoten der Geschmacksrichtung Trüffel und Karamell.

Beim anschließenden Stadtbummel entdecken wir einen Laden der ausschließlich ‚Pepernoten‘ bzw. ‚Kruidnoten‘ verkauft. Mit Peffernüssen wie wir sie kennen haben diese kleinen Leckereien wenig gemeinsam. Sie sind etwas größer als ein Cent-Stück und bestehen aus einem knusprigen, leckeren Teig mit typisch weihnachtlichem Geschmack. Neben den einfachen Pepernoten gibt es noch Kruidnoten, das sind Pepernoten mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen: Trüffel, Karamel/Meersalz, Weiße Schokolade…

Am Plein, dem großen Platz im Regierungsviertel besuchen wir ein Kaffe, wo es Koffie Verkeerd mit Appeltaart gibt. Auf dem Weg zurück zu unserer Wohnung läuft uns Staatschef Mark Rutte über den Weg: zu Fuß, keine Bodyguards, Handy am Ohr. Wir können es kaum glauben, aber wenn er es nicht war, war es ein 100% Doppelgänger.

Der Plein mit den wenigen aber auffälligen Wolkenkratzern Den Haags

Dienstag, 5.12.207

Heute ist Reisetag und ‚pakjesavond (=Päckchenabend)! In Holland spielt dieser Tag vor Nikolaus ungefährt die Rolle, wie bei uns Heilig Abend – zumindest bezüglich der Geschenke, zumindest für die Kinder. Ein Feiertag ist es nicht: die Geschäfte haben geöffnet, die Kinder gehen zur Schule.

Früh geht es zum nahe gelegene Supermarkt, um Brötchen fürs Frühstück zu besorgen. Gestern gab es für den Laden eine Lieferung Tannenbäume, heute sind sie ausverkauft. Auch die Berge von Pepernoten, die ich gestern noch bestaunte sind deutlich geschrumpft.

An einem Platz stehen vier große Reisebusse, dazu lautes Kindergeschnatter. Der Platz ist voll mit Kindern. Ein Moderator animiert sie zu Weihnachtsliedern. „Sinterklaas, Sinterklaaas, Sinterklaas“ tönt es wie im Fußballstadion. Und dann kommt ER: Begeisterung!

Nach dem Frühstück ziehen wir weisungsgemäß die Tür unserer Wohnung zu, schließen ab und werfen den Schlüssel durch den Briefkastenschlitz. Leider zu früh, wie sich zeigt, denn mein Rucksack, steht noch in der Wohnung.  Im Rucksack sind Computer, Kamera, Ausweise, Kreditkarten, Geld,  etc.

Schnell wird uns klar, dass es keine Chance gibt, wieder in die Wohnung zu kommen: der Schlüssel liegt unerreichbar im Flur, die Besitzer sind in der Karibik. Wir verabreden mit Linda, dass sie den Rucksack abholt, wenn die Wohnungsbesitzer zurück sind und ihn beim Weihnachtsbesuch mitbringt.

Die Heimfahrt verläuft ohne Zwischenfälle.